Die Prinzipien des Schwertkampfes – Teil 4

Veröffentlicht von Ingo Gerhartz am

Prinzipien des Schwertkampfes

IV. Die vier Schwächen

So sind wir schließlich beim vierten Teil unserer Erörterung angelangt. Angefangen bei der Einheit von Kraft, Schwert und Bewegung über das Prinzip der zwei Schwerter bis zu den drei Weisen des Weges hat dabei jede Betrachtung die Erkenntnisse der vorhergehenden hinterfragt und auf einer höheren Ebene fortgeführt: 

Das „Was“ beruht auf dem „Wozu“ und dieses wiederum beruht auf dem „Wie“. So lautet die vierte Frage, welche aus der Schau in das eigene Wesen (Ken-sei) folgt: „Wer?“

Wer bin ich?

Da jeder Mensch anders ist, kann es keine allgemeingültige Beantwortung dieser Frage geben. In gewisser Weise ist die Kunst des Schwertkampfes selbst, der Weg der Beobachtung, Einübung und Konfrontation, nur die andauernde Suche nach einer eigenen, ganz persönlichen Antwort.

Ist man jedoch um Redlichkeit bemüht und ehrlich genug zu sich selbst, um auch allzu bequeme Illusionen zu hinterfragen, dann wird jeder von uns eingestehen müssen, dass wir Schwächen haben. Vielleicht können wir etwas nicht besonders gut, vielleicht hält uns etwas zurück oder vielleicht wollen wir etwas aus einem bestimmten Grund auch nicht. Das ist okay. Nobody is perfect – eben das ist ja auch der Grund, warum wir uns weiterentwickeln können. Es kommt nur darauf an zu verstehen, was es ist, warum es so ist und wie wir es überwinden können.

Vier Blößen des Körpers

Es gibt vier elementare Schwächen, die in jedem Menschen zu finden sind. Äußerlich betrachtet sind dies die vier Blößen, die schon in einem anderen Artikel behandelt wurden: Maximal zwei Viertel der Trefferzonen des eigenen Körpers kann man im Kampf abdecken. Jeder eigene Angriff eröffnet zudem noch eine weitere. Wer aber weiß, wie und wo er „sich die Blöße gibt“, kann dies zum eigenen Vorteil nutzen, den Gegner „reizen“, in eine Falle locken und zu einem Angriff „verführen“, sodass er die eigenen Schwächen offenbart. Der Gegenangriff ist ein leichtes Spiel, wenn man seinen Gegner kennt.

Abgesehen davon gibt es aber auch vier innere Schwächen (Shikai), welche im Geist des Kämpfers entstehen und sich dort ausbreiten wie Gift: 

Angst (Ku), Überraschung (Kyo), Zweifel (Gi) und Verwirrung (Waku)

Wie auch bei den äußerlichen Blößen gilt es daher, eine Geisteshaltung zu entwickeln, welche diese Schwächen sowohl in uns selbst vermindert, als auch im Gegner mehrt und befördert. Eine solche Haltung nennen wir Heijoshin (der „flache“ Geist, welcher frei fließend wie Wasser alles bedeckt, umfasst und wahrnimmt) oder sogar Mushin (der „leere“ Geist). Das Gegenteil ist Shinshin, der „unterbrochene“ Geist.

Vier Teile des Angriffs

Wenn der Geist unterbrochen ist, ist auch die Bewegung des Körpers unterbrochen – und umgekehrt. Jede der vier Schwächen unterbricht den eigenen Angriff, welcher ebenfalls aus vier Teilen besteht:

Haltung

Ausgangspunkt ist das Kamae, eine Körperhaltung, aus der heraus ein Angriff möglich wird. „Auf der Hut sein“ bedeutet: aufmerksam sein, gespannt sein. Wir dürfen nicht abwarten, nicht ausruhen. Die richtige Haltung im Kampf beginnt mit einem sicheren Stand auf den sprungbereiten Fußballen, nicht zurückgelehnt auf der Ferse. Das hintere Standbein ist gestreckt, aber nicht überdehnt, das vordere Bein locker und flexibel. Unser Rücken ist gerade, der Körper etwas nach vorn geneigt – jederzeit bereit loszuschlagen, nur zurückgehalten von der Spannung unseres Unterbauches. Langsam atmen wir aus und fixieren unser Ziel mit stechendem Blick ebenso wie mit der Spitze unseres Schwertes.

Angriff

Aus dem Kamae folgt der eigentliche Angriff, Seme: das Ringen um die Gelegenheit (Hanno) zum Schlag. Noch hat sich das Schwert nicht bewegt. Jetzt gilt es, den Gegner unter Druck zu setzen, mit dem eigenen Schwert die Mitte zu erobern und das Schwert des Gegners aus dem Weg zu drängen, ihn durch Finten zum Angriff zu verleiten und aus dem „Nach“ einen Gegenangriff zu starten oder selbst die Initiative zu ergreifen und aus dem „Vor“ die Blöße zu treffen, die sich anbietet.

Technik

Aus dem Angriff folgt der Hau, Waza: das Ausführen einer Technik. Jetzt schlagen wir los. Dabei können wir mit dem Schwert beginnen, während der Körper folgt, mit einem Schritt Raum gewinnen und den Schnitt wie eine Peitsche nachschnellen lassen oder auch beides gleichzeitig ausführen. Wichtig ist nur, dass Körperbewegung und Schwertstreich auf demselben Punkt enden. Wenn die Gelegenheit günstig war, ist es ein Treffer! Wenn nicht, „glitzen“ die Schwerter und es geht im Nahkampf weiter: Die „Stärke“ durchbricht, die „Schwäche“ umgeht. Jetzt aufzuhören bedeutet den Sieg zu verschenken! Entschlossen muss die Klinge bis zum Ende des Atems durchgezogen werden.

Abzug

Deshalb bedeutet Zanshin („Das zurückbleibende Herz“) zu guter Letzt nicht einfach nur „abhauen“ (d.i. weglaufen), sondern vielmehr: „auf der Hut sein“, aufmerksam bleiben und wieder eine Haltung einnehmen, aus der heraus nahtlos der nächste Angriff erfolgen kann. Zanshin ist Kamae und Kamae ist Zanshin – ein geschlossener Kreis, der niemals unterbrochen werden darf.

Jetzt können wir wieder einatmen und von Neuem beginnen.

Vier Gifte des Geistes

Die vier inneren Schwächen unterbrechen jeweils einen Teil des Angriffs – und somit den gesamten Angriff.

Ku 苦 Angst 

Wer Angst hat, ist gelähmt in der Bewegung. Sein Gegner wirkt größer als er in Wirklichkeit ist. Er will sich nur schützen und nimmt daher eine passive Abwehrhaltung ein, anstatt selbst angreifen zu können. Wer seinem Gegner Angst einflößen möchte, tut dies durch den Anschein eigener Überlegenheit, Ruhe und Zuversicht. Ein starker, langer Kampfschrei verdeutlicht dies und erzeugt zugleich Spannung durch Atmung sowie Furcht im Herzen des Gegners. Hier beginnt alles:

Den Gegner aus der Fassung bringen
„Beim Einzelkampf empfiehlt es sich, gemächlich zu beginnen, um dann plötzlich kraftvoll zuzuschlagen, den Gegner in seinen Absichten zu verwirren, ihm nachzusetzen und kein Atemholen zu gönnen, auf welche Weise man sicher Vorteil und Sieg erringt. Was wieder und wieder zu üben ist.“
Miyamoto Musashi
Das Buch der Fünf Ringe (Gori No Sho), Buch des Feuers

Kyo 驚 Überraschung

Wer überrascht ist, hält den Atem an und unterbricht seine Bewegung. Er hat die Gelegenheit zum Angriff verpasst und somit seinem Gegner die Initiative überlassen. Wer seinen Gegner überraschen möchte, tut dies durch Finten und Fallen, indem er falsche Erwartungen weckt.

Den Gegner erschrecken
„Das Herz erschrickt vor dem, was unerwartet geschieht.“
Miyamoto Musashi
Das Buch der Fünf Ringe (Gori No Sho), Buch des Feuers

Gi 疑 Zweifel

Wer an sich oder dem Gegner zweifelt, ist unfähig zu handeln. Er wird halbherzig reagieren und die Technik nicht bis zum Ende durchführen. Wer seinen Gegner zur Verzweiflung bringen möchte, der lasse ihm durch beständige Bedrohung keinen Raum zum Agieren, sodass seine Häue ihre Wirkung nicht entfalten können, und vergewissere sich seiner eigenen Kraft:

In den Gegner eindringen
„Unablässig zuschlagend, entschlossen, nicht im Geringsten zurückzuweichen, besitzt man alle Vorteile für einen kraftvollen Sieg.“
Miyamoto Musashi
Das Buch der Fünf Ringe (Gori No Sho), Buch des Feuers

Waku 惑 Verwirrung

Wer verwirrt ist, kann keine Entscheidungen treffen. Er ist überfordert und kann sich nicht auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Ohne Fokus wird er nach einer Aktion keinen weiteren Angriff starten können, sondern erschlaffen und die Haltung verlieren. Wer seinen Gegner verwirren möchte, der plane zwei Angriffe voraus und lasse ihm dazwischen keine Zeit zum Durchatmen.

Den Gegner in Verwirrung stürzen
„In Verwirrung stürzen heißt: den Gegner dazu bringen, daß er unfähig ist, einen bestimmten Plan zu fassen.“
Miyamoto Musashi
Das Buch der Fünf Ringe (Gori No Sho), Buch des Feuers

Sich selbst wegwerfen

Sutemi (捨て身)

bedeutet sich selbst „wegwerfen“ oder „opfern“ ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist der Schlüssel zur Überwindung der vier Schwächen und zum Erreichen von Mushin („leerer Geist“), denn die Schwächen liegen in uns selbst. Der wahre Feind ist unser Ego.

Wer die Chance nicht nutzt, einen guten Treffer anzubringen, hat auch die Chance verstreichen lassen, einen Schlag zu trainieren. Wer blockt, gönnt seinem Partner nicht, seine Technik zu üben. Doch wer sich befreit von aller Angst, getroffen zu werden, der will auch nicht ausweichen und konzentriert sich mehr auf die Verwirklichung eigener Chancen. Er hat keine falschen Erwartungen oder Illusionen über sich und kann den Schlag ausführen ohne Zögern. So wird sich mit dem Verschwinden aller Zweifel auch seine Körperhaltung im Zanshin verbessern.

Die Trainingsmethode zu Sutemi ist das Kakarigeiko (Angreifen ohne Unterlass auf einen Atemzug):

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Fünf?

Es könnte nun noch mehr gesagt werden, etwa über die fünf Worte Liechtenauers: 

Vor noch dy czwey dink syn allen kunsten eyn orsprink
Schwach unde sterke Indes das wort mete merke“
Unbekannter Autor, nach Johannes Liechtenauer
GMN 3227a, Blatt 18v (ca. 1389 AD)

Aber das ist nicht mehr nötig – es wurde bereits hier und an anderer Stelle bereits ausreichend behandelt.

Ich danke allen meinen Lehrmeistern für ihre Unterweisungen, die ich hiermit fortführen möchte.


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