Die Prinzipien des Schwertkampfes – Teil 1

Veröffentlicht von Ingo Gerhartz am

Prinzipien des Schwertkampfes

Vorwort

Die folgenden Überlegungen stellen keine Sammlung von Techniken dar, sondern sollen vielmehr den Ausgangspunkt einer interdisziplinären Betrachtung der historischen europäischen Kampfkünste (HEMA) bilden. Sie entstammen größtenteils meiner eigenen Ausübung der japanischen Kunst des Schwertkampfes (Kendô). Beide teilen sich – teils aufgrund von Ähnlichkeiten der Waffengattung (Langes Schwert und Katana), teils aufgrund elementarer Gegebenheiten des menschlichen Bewegungs- und Informationsverarbeitungsapparates – gewisse grundlegende Prinzipien, welche ich hier beschreiben und als Zugang zu einem tieferen Verständnis beider Traditionen verwenden möchte. Die Grundsituation, wie Miyamoto Musashi im „Buch der Fünf Ringe“ (Gorin no Sho) schreibt, ist dabei stets dieselbe:

„Der wahre Schwertweg ist es, mit dem Gegner zu kämpfen und zu siegen;
an dieser Regel kann nicht die geringste Veränderung stattfinden.“
Miyamoto Musashi
Das Buch der Fünf Ringe (1643–45)

I. Kraft, Schwert und Bewegung sind eins

Der japanische Ausdruck „Ki-ken-tai-no-ichi“ fasst zusammen, worauf es bei einem effektiven Angriff ankommt:

  • Kraft (Ki),
  • Schwert (Ken) und
  • Bewegung (Tai)
  • sind eins (ichi).

Um den Gegner zu verletzen und seine Verteidigung zu durchbrechen, muss eine bestimmte Menge an Energie aufgebracht werden und über das Schwert auf die Blöße seines Körpers einwirken. Die Gesamtenergie ist dabei jedoch mehr als die reine Kraft der (Arm-)Muskeln, mit denen das Schwert beschleunigt wird. Denn zum einen spielen bei der Kraftübertragung die Hebelwirkung und Amplitude des Schwertes eine Rolle:

Je größer die Ausholbewegung (Amplitude), desto länger der Beschleunigungsweg, weshalb die größte Kraft in die Schwertspitze („Ort“) übertragen werden kann.

Aufgrund der Hebelwirkung ist dies jedoch zugleich der schwächste Punkt („Schwäche“), an dem die gegnerische Klinge mit der „Stärke“ der eigenen Klinge (direkt am Schwertgriff oder „Gehilz“) aufgefangen und abgelenkt werden kann. 

Die dritte Komponente ist die Geschwindigkeit der Körperbewegung. Sie beginnt in der Gegenkraft, die unsere Beinmuskulatur aus einem sicheren Stand gegen den Boden aufzubringen vermag und setzt sich über eine durchgängige Muskelspannung durch Körpermitte (Unterbauch) und Arme bis in die Schwertspitze fort, sodass die Bewegungsenergie der gesamten Masse unseres Körpers der Muskelkraft hinzugefügt wird:

e = ½ mv2.

Alle diese Einzelkomponenten können für sich trainiert und perfektioniert werden durch Kraftübungen, Schwerthandling und Fußarbeit. Doch sie sind nutzlos ohne ihre Einheit in sowohl Raum als auch Zeit. Alle diese drei Impulse, von wo und in welcher Reihenfolge sie auch immer ausgehen mögen, müssen im selben Moment auf denselben Punkt gerichtet sein, um maximale Wirkung zu erzielen. Trifft man mit dem falschen Punkt der Klinge, wird die Bewegung unterbrochen oder der Schwung nicht kraftvoll genug ausgeführt, bleibt der Angriff schwach und verfehlt seinen Zweck. Der korrekte Streich oder Hau als Grundlage aller Schwertkunst ist erreicht, wenn Kraft, Schwert und Bewegung zusammenkommen. Diese Einheit ist spürbar und muss unablässig geübt werden.

Wie aber können wir ein Gefühl dafür entwickeln, diese unterschiedlichen Kraftverhältnisse intuitiv und mühelos auf einen Punkt zu lenken?

Die Antwort lautet: Atmung. Durch Atmung stellen wir eine feste Körperspannung im Unterbauch her, über die Bewegungsenergie aus den Beinen in die Arme übertragen werden kann. Im Rhythmus der Atmung lenken wir die Schnittlinie unserer Klinge entlang einer idealen Form durch den Raum bis zum Zeitpunkt des Auftreffens und darüber hinaus. Und mit einem lauten, kraftvollen Schrei (Ki-ai) fügen wir der Kraft unserer Muskeln die Kraft und Entschlossenheit unserer inneren geistigen Haltung hinzu. So gewinnt unser Streich Fokus und vermag die Kraft, das Schwert und die Technik des Gegners zu überwinden. 

Atmung ist Leben. Wir üben sie mit schnellem Einatmen durch die Nase, Halten im Unterbauch und langsamem, kontrolliertem Ausatmen durch den Mund.


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