Die Prinzipien des Schwertkampfes – Teil 3

Veröffentlicht von Ingo Gerhartz am

Prinzipien des Schwertkampfes

III. Die drei Weisen des Weges

Im dritten Teil unserer Erörterung geht es um drei verschiedene Arten, die Prinzipien des Schwertkampfes zu erlernen. Die „Geschichte von der wundersamen Kunst der Katze“, eine alte Erzählung, die Zen-Meister Ito Tenzaa Chuya zugeschrieben und seit dem 17. Jahrhundert mündlich weitergegeben wird, verdeutlicht diesen Weg, welcher von jedem Schüler auf seine eigene Weise angeeignet werden muss: 

Es war einmal ein Fechtmeister, in dessen Haus eine große Ratte ihr Unwesen trieb. Er sperrte Sie in einem Zimmer ein und gab seinen drei Katzen die Gelegenheit, sie zur Strecke zu bringen. Sobald jedoch eine der Katzen sich heranwagte, da sprang die Ratte sie an, biss zu und schlug sie in die Flucht. So wies der Hausherr seinen Diener an, eine tüchtigere Katze zu finden. Dieser brachte darauf eine alte Katze herbei, die weder besonders klug noch besonders kräftig aussah. Als jene Katze aber den Raum betrat, da fuhr die Ratte zusammen und rührte sich nicht mehr. Ganz ruhig und langsam ging die alte Katze auf die Ratte zu, packte sie und trug sie nach draußen.


Am Abend versammelten sich die erfolglosen Katzen um die alte Rattenfängerin und baten sie, das Geheimnis ihrer Kunst mit ihnen zu teilen. Diese aber lachte nur und sprach: „Ihr jungen Katzen, Ihr seid zwar ganz tüchtig. Aber Ihr wisst im rechten Weg nicht Bescheid. So verfehlt Ihr, wenn etwas Unerahntes Euch begegnet, den Erfolg. Doch erzählt erst Ihr mir, wie Ihr Euch geübt habt.“

So schildern die drei Schüler, jeder den eigenen Weg überdenkend, wie sie kämpften – und scheiterten: 

Technik ohne Kraft ist leer

Eine schwarze Katze erzählte, dass sie seit frühester Kindheit an die Jagd erlernt habe. Noch im Schlaf könne sie bis an die Decke springen und blitzschnell ihr Ziel ergreifen. Die Ratte aber war zu stark für sie. Da entgegnete die alte Katze: „Worin Du dich geübt hast, ist eben nichts als nur Technik (shōsa – die rein physische Kunst)! Dein Geist ist besetzt mit der Frage: Wie gewinnen? So betätigst Du nur deine Klugheit! Was aber kommt dabei heraus? Nichts als Geschicklichkeit.“ 

Die Technik der ersten Katze entspricht dem, was man sich als Laie für gewöhnlich unter einer Kunst des Schwertkampfes vorstellt: Die verschiedenen Huten und Häue, Schrittfolgen, Paraden und Konterattacken derart zu beherrschen, dass man jeder Aktion des Gegners die geeignete Reaktion entgegensetzen und ihn so besiegen kann. Man erlernt sie mit dem Verstand und aus Büchern, indem man einer bestimmten Idealvorstellung folgt und versucht, sich dieser durch körperliche Übung anzunähern – schneller, höher, weiter. Aber das ist nur ein Teil der wahren Kunst.

Diese Art von Kämpfer versagt oft, weil sie die Theorie nicht in die Praxis umzusetzen vermag. Sie neigen dazu, abzuwarten und dem Gegner die Führung (jap. sen) zu überlassen, im „Nach“ („aus dem Warten“: tai-no-sen) zu kämpfen, um ihre Technik anzuwenden. Daher entwickeln sie zwar präzise Bewegungen und eine schnelle Reaktionsfähigkeit, aber bleiben an starre, überlieferte Formen gebunden. Ihre eigenen Aktionen sind zaghaft, halbherzig und schwach. So stehen sie sich selbst im Weg, denn kein Schlachtplan überlebt den ersten Feindkontakt.

Kraft ohne Technik ist blind

Danach kam eine große Katze mit getigertem Fell hervor und behauptete, es komme nur auf einen starken Geist an. Ohne sich um Techniken zu kümmern, könne sie ihr Opfer beliebig nach rechts oder links verdrängen und erlange den Sieg oft schon im Vorhinein. Die Ratte aber war wie ein Schatten. Da erwiderte die alte Katze: „Worum Du dich da bemüht hast, ist wohl das Wirken, das aus der großen Kraft (ki no sho) von Himmel und Erde kommt. Aber noch ist dein Ich im Spiel. Wenn Du den Feind mit dem Übergewicht deiner Kraft besiegen willst, stellt er Dir die seine entgegen.“

Die zweite Katze verlässt sich auf ihre Stärke, die sie durch Überwindung immer neuer Hindernisse und Widerstände erprobt und gemehrt hat. Unser Körper lernt, indem man ihn beständig fordert, so wie auch ein gebrochener Knochen härter zusammenwächst. Der Geist folgt diesem Beispiel, indem er Zuversicht und Willensstärke ausbildet, welche auf der Erfahrung seiner eigenen Wirksamkeit beruhen. Technik ist hier zweitrangig, sie kommt oft von selbst. Doch Kraft allein ist träge, grob und berechenbar. Wenn sie nicht aus einem sicheren Stand hervorgeht und Rückhalt findet in einem tieferen Denken, das über das eigene Selbst hinaus geht, bleibt sie vordergründig und ziellos.

Jeder Kampf fängt an mit einem Ringen um die Initiative, das „Vor“ („Führung aus dem Angriff“: ken-no-sen). Und oft genug ist es damit auch schon wieder zu Ende – der entschlossenere Kämpfer trifft den zögerlichen Gegner, bevor dieser handelt, Dreistigkeit und rohe Gewalt obsiegen. Eine zweite Ebene aber beginnt, wenn keiner der Kontrahenten den Vorteil erobern konnte und die zwei Schwerter im selben Augenblick aufeinandertreffen. Jetzt geht es um die „Stärke“ der Klinge: Hebel und Kraft beim Krieg in der engen Mensur. Hierbei durchbricht die stärkere Kraft die Gegenwehr – aber nur dann, wenn sie sich nicht über sich selbst täuscht und fehlgeht… 

be water ...

Darauf rückte eine graue Katze heran und zitierte ein Sprichwort: Die Ratte in der Klemme beißt auch die Katze – Im Angesicht des Todes vergisst sie ihr Leben, vergisst alle Not, vergisst sich selbst, ist frei von Sieg und Niederlage. Daher seien nicht Technik oder Kraft, sondern Herz und Seele (kokoro) zu üben. Anstatt zu überwältigen oder zu reagieren, müsse man nachgeben. So finde der Gegner nichts vor, was er angreifen könne. Die Ratte aber ging auf das Spiel nicht ein. Da sprach die alte Katze wieder: „Das ist ja nur ein Kunstgriff. Bewusst willst Du dem Angriff entgehen, und so bemerkt der Feind deine Absicht. Nur wenn Du nichts tust und deine Bewegung der Schwingung deines Wesens überlässt, hast du keine greifbare Form mehr und kein Gegner kann Dir widerstehen.“

Kraft misst sich selbst an ihrer Gegenkraft, daher überfordert sie sich leicht. Doch der Klügere gibt nach, die „Schwäche“ der Klinge umgeht den Widerstand. Wo die Kraft nicht ansetzen kann, geht sie ins Leere und die Technik schlägt fehl, denn: Technik ohne Kraft ist leer, Kraft ohne Technik ist blind. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wann was richtig einzusetzen ist, und dies tun wir durch Beobachtung und Einfühlung, durch Versöhnung – im Anderen erkennen wir uns selbst.

Erst im Gleichgewicht der Kräfte beginnt die dritte Ebene des Kampfes, das „Fühlen“ („Führung aus dem Gleichziehen“: tai-tai-no-sen). Wer Absichten und Bewegungen seines Gegners vorauszuahnen imstande ist, muss ihnen nicht entgegenstehen, sondern kann ausweichen und zugleich („indes“) eigene Aktionen ausführen (z. B. die Meisterhäue oder Oji-Waza). Doch auch Intuition ist noch nicht das Ende des Weges, denn ein guter Gegner wird ebenso versuchen, uns zu durchschauen. Solange der Wille zum Sieg uns beherrscht, ist dieser in uns erkennbar und wir sind noch nicht frei. Erst müssen wir selbst leer werden, ohne Form, wie Wasser:

Youtube
Video anzeigen?

Wenn du eingebettete Videos auf dieser Seiten sehen möchtest, werden personenbezogene Daten (IP-Adresse) an den Betreiber des Videoportals gesendet. Daher ist es möglich, dass der Videoanbieter deine Zugriffe speichert und dein Verhalten analysieren kann.

Wenn du den Link hier unten anklickst, wird ein Cookie auf deinem Computer gesetzt, sodass die Website weiß, dass du der Anzeige von eingebetteten Videos in deinem Browser zugestimmt hast. Dieses Cookie speichert keine personenbezogenen Daten, es erkennt lediglich, dass eine Einwilligung für die Anzeige der Videos in deinem Browser erfolgt ist.

Erfahre mehr über diesen Aspekt der Datenschutzeinstellungen auf dieser Seite: Datenschutzerklärung

Videos anzeigen

Alternativ kannst du auch diesen Link benutzen, der dich direkt zum Video auf die Website des Videoanbieters bringt: https://www.youtube.com/watch?v=AfMBsDePSv8


Ins eigene Wesen blicken

Zuletzt fügte die alte Katze noch etwas Erstaunliches hinzu: „Ihr müsst nicht glauben, dass das, was ich euch hier sage, das Höchste sei. Es ist nicht lange her, da lebte in meinem Nachbardorf ein Kater. Der schlief den ganzen Tag. Niemand hatte ihn je eine Ratte fangen sehen. Aber wo er war, gab es ringsherum keine Ratten! Als ich ihn fragte, wie das zu verstehen sei, gab er keine Antwort. Aber so ist das ja: Wer es weiß, der sagt es nicht, und wer es sagt, der weiß es nicht. Dieser Kater hatte sich selbst vergessen, war nichts geworden, hatte den göttlichen Weg gefunden: Zu siegen ohne zu töten. Dem stehe auch ich noch weit nach.


Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass alles, worin Ihr Euch geübt habt, zwecklos sei. Alles kann eine Weise des Weges sein – Es gibt kein Geheimnis, das der Meister dem Schüler übergeben könnte. Zu lehren ist leicht, zu hören ist leicht. Schwer aber ist es, dessen bewusst zu werden, was man in sich selbst hat, es zu finden und wirklich in Besitz zu nehmen. Dies nennt man ins eigene Wesen blicken (ken-sei). Das ist alles, was ich Euch sagen kann. Gehet in Euch und forscht selbst in Euch nach. Ein Meister kann dem Schüler immer nur Lehrsätze mitteilen und sie zu begründen versuchen. Doch die Wahrheit zu erkennen und sie sich anzueignen, das vermag nur ein jeder allein für sich selbst.“

Fortsetzung folgt


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.