Die Prinzipien des Schwertkampfes – Teil 2

Veröffentlicht von Ingo Gerhartz am

Prinzipien des Schwertkampfes

II. Die zwei Schwerter

Der zweite Teil unserer Erörterung betrifft nicht die Art und Weise, wie wir das Schwert führen, sondern die Gründe, warum wir es tun und was wir damit bezwecken. Denn letztlich bestimmt der Zweck die Form dessen, was wir um seinetwillen vollbringen.

Hinter den Blättern

Das Hagakure („Hinter den Blättern“), eine Art Ehrenkodex der japanischen Kriegerkaste, beschreibt gleich zu Anfang das Offensichtliche: „Der Weg des Samurai ist der Tod“.

Gemeint ist der eigene Tod auf dem Schlachtfeld, indem der Kämpfer sich in selbstloser Pflichterfüllung für ein höheres Wohl opfert. Aber natürlich ist die Kunst des Schwertkampfes zuallererst auch eine Kunst des Krieges, die auf den Tod des Gegners im Kampf abzielt. Erst später entwickelt sich daraus ein Weg des ehrenhaften Zweikampfes und der geistigen Disziplinierung. 

Heute ist Schwertkampf ein Sport, durch den wir ganz unblutig unsere Kräfte messen und entwickeln können. Das ist gut, und doch wird der Schwertkampf im Kern auch immer etwas von diesem Ursprung beibehalten, insofern es ein Kampf mit Schwertern bleibt.

Der Samurai Yagyū Munenori (1571–1646) hinterließ mit seiner Schrift Heihō Kadensho („Der Weg des Samurai“) die Lehre von den zwei Schwertern, welche auf ein noch älteres, Zen-buddhistisches Sprichwort zurückgeht:

„Das Schwert, das tötet, ist das Schwert, das Leben gibt“

Nehmen oder Geben

Während das erste, tötende oder Leben nehmende Schwert (setsunin to) zwar als Waffe gegen Chaos und Gewalt geführt werden kann, so ist es doch mit einem Makel behaftet, denn Gewalt erzeugt Gegengewalt und richtet sich zuletzt gegen den Verursacher. Es darf daher nur in äußerster Not eingesetzt werden, um Leid zu beenden und Gerechtigkeit durchzusetzen. 

Das Leben gebende Schwert (katsujin ken) hingegen ist in der Lage, einen Kampf zu gewinnen, ohne dass es gezogen werden muss. Indem es mit einem ruhigen Herzen bewahrt wird, kann es einen Konflikt verhindern. In jedem Fall aber schafft die Zurückhaltung einen Freiraum, nicht handeln zu müssen, und somit die Gelegenheit, zu beobachten und zu verstehen. So ist es möglich, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wann das Schwert als Waffe eingesetzt werden muss, um den Angriff des Gegners zu kontern, ihm auszuweichen oder ihn zu durchbrechen.

Die Anwendung des Prinzips der zwei Schwerter im Kampf konfrontiert uns mit der Frage, wofür wir kämpfen. 

Durch bloße Körperkraft, Willensstärke oder Geschwindigkeit können wir einen Gegner überwinden, bevor er reagieren kann. Doch damit ist nichts gewonnen. Wir haben gesiegt, doch wir haben weder das Schwert, noch den Gegner dabei beachtet und somit nichts gelernt. 

Um den Gegner zu besiegen, bevor er zuschlägt, um ihn zu umgehen oder auszumanövrieren, ist es nötig, ein Gefühl für seine Absichten und Bewegungsabläufe zu entwickeln. Es erfordert Achtsamkeit und vor allem Einfühlungsvermögen für ein Gegenüber, das ähnlich denkt und handelt, wie wir selbst. 

Indem wir uns nicht zu gedankenlosen Aktionen hinreißen lassen, lernen wir, die Aktion des Gegners zu antizipieren und trainieren zugleich unser Reaktionsvermögen. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es für uns, dem Angriff zu entgehen. Doch ebenso wird es wiederum schwieriger für den Gegner, auf unsere Gegenaktion zu reagieren. Er hat sich festgelegt. Wenn der Punkt ohne Wiederkehr überschritten wurde, ist die perfekte Zeit, um zu handeln, denn eine Gegenwehr ist nun nicht mehr möglich. 

Diese Art zu kämpfen erfordert eine ganz andere Geisteshaltung als das Leben nehmende Schwert. Wir kämpfen nun nicht mehr, um einen Gegner zu besiegen, sondern um selbst an ihm zu wachsen. So ehren wir unser Gegenüber wie uns selbst und begegnen ihm ohne Furcht, denn wir können nicht mehr verlieren: Vielleicht werden wir getroffen, doch aus einem Fehler lernen wir mehr als aus jedem Sieg.


1 Kommentar

Die Prinzipien des Schwertkampfes - Teil 1 » Bunte Schar · 21. Dezember 2018 um 19:15

[…] Hier geht´s zu Teil 2 […]

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